§ 2. Radikalismus der Kierkegaardsche Wendung.

Auch ohne dass schon die Frage nach dem theologisch-philosophischen Hintergrund des Kierkegaardschen Paradoxes erörtert wurde, kann aus den Zitaten, die gegeben wurden, doch wohl sofort ersehen werden, wie radikal Kierkegaard das Wort „Paradox” losgelöst hat von der Bedeutung, die es jahrhundertelang gehabt hat. Wir wollen versuchen, durch einen Vergleich des früheren Paradoxes mit dem Kierkegaardschen die wichtigsten Unterschiede hervorzuheben. Wir nennen dabei das Paradox in seiner früheren allgemeinen Bedeutung A, das Kierkegaardsche B.

Bei A ist das Paradox immer etwas, das überwunden werden soll; bei B ist sein Ueberwundenwerden eine Unmöglichkeit, Sündenfall, Niederlage. — Paradox A ist incitamentum intellectus, B ist sacrificium intellectus. — Das Martyrium des Paradoxes A kann nur bei den Entarteten Platz machen für ein Wonnegefühl, (Sophisten), das des Paradoxes B ist (in der Leidenschaft der Liebe) selbst eine Wonne geworden. — Im Falle des Paradoxes A ist das Genie, als von Anfang an nicht orientiert am Allgemeinen, in der günstigsten Lage, um vom Paradox loszukommen, im Falle B ist das Genie, als ”von Anfang an desorientiert im Verhältnis zu dem Allgemeinen”, in der günstigsten Lage, um zum Paradox zu kommen. 1) — Paradox A ist ein Zusammenstoss von Meinungen, die korrespondieren oder nicht korrespondieren mit Wirklichkeiten, die beide auf derselben Ebene liegen; daher verursacht es eine „tragische” Lage, sucht |116| man nach einem „Ausgang”, nicht so wie man (ästhetisch) „gespannt ist auf den Ausgang wie auf den Ausgang eines Romans”, sondern weil im Denken und also im Sein, im Leben, Not ist. Aber Paradox B ist ein Zusammenstoss von Wort Gottes und menschlicher Existenz, von Ewigkeit und Zeit, also von dem, das nicht auf derselben Ebene liegt; daher geht es über jede tragische Lage hinaus und ist das Suchen nach einem Ausgang, das Gespanntsein auf den Ausgang, gerade ein Beweis, dass man „von dem Paradox nichts wissen will”. — 2) Paradox A bedeutet eine BJäF4H, seine Ueberwindung eine •<VFJ"F4H, beide auf derselben Ebene. Paradox B ist •<VFJ"F4H, aber dann auf keiner einzigen „Ebene”. — A ist Inzident, B Kategorie. — A ist Anfechtung, B niemals. — Zu A kommt „Sokrates” nur auf dem Weg seines Wissens, und er fühlt sich dann gedrückt in einer relativen Unwissenheit; zu B kommt Sokrates nur durch Unwissenheit, die ihn zum Befreier machen könnte, wenn das einem Menschen gegeben wäre. — Die paradoxe Not A suspendiert jede „Hebamme” von ihrem Dienst; die paradoxe Not B setzt die „Hebamme” gerade in ihren Dienst ein. — Paradox A ist immer eine Sache des Allgemeinen, kann nur auftauchen, wo allgemeine Gesetze des Denkens und Handelns sind; Paradox B ist ein dem Allgemeinen den Rücken Zukehren, ein Isoliertsein als Einzelner. — Paradox A setzt voraus die „Kompanie”, deren „Meinung” widersprochen worden ist, und seine Lösung ist immer aus den Denkgesetzen der „Gemeinschaft” gefunden oder kehrt aus dem „privatissimum”, wo sie gefunden ward, segnend zu der Gemeinschaft zurück. Aber Paradox B setzt gerade die Loslösung aus der „Kompanie” voraus, bleibt auf das privatissimum beschränkt, kann nicht segnend (kritiklos) auf die Gemeinschaft einwirken. — Paradox A muss eine Brücke schlagen zum §<*@>@<; Paradox B ruft das Wehe über jeden Brückenbauer aus. — Wenn A auftaucht, dann ist die Aporie da, wer B gekannt hat, |117| ist über die Aporie erhaben — sofern er B begegnet, und so oft er das tut. — A ist der Schrecken des intellektuellen Lebens, B ist sein Pathos, das eigentliche Pathos. 3) — A kommt in der Relation Lehrer-Lernender vor; B quält und segnet sie beide, aber dann privatim, und wischt ihre Relation, ihre Unterscheidungsnamen aus. — A ist gegen die herrschende, B gegen alle Meinung. — Im Moment A kommt man sicher zur Ungewissheit, im Moment der Ungewissheit kommt man vielleicht zu B. — Leidenschaft will A niederschlagen, Leidenschaft will sich mit B vereinigen, aber in Liebe. — A tritt dem praktisch Denkenden in den Weg, B ist eine erkenntnistheoretische Gegebenheit; A ist eine Crux bei der Vollendung eines Lehrbuches, B ist das erste Kapitel in den Prolegomena eines Zeugnisses. — A ist nicht absurd; denn es will gerade davon wegfliehen, B ist selbst absurd. — A ist nur möglich, wenn die Denkgesetze Geltung haben, B nur, wenn dieser Geltung fundamental widersprochen ist. — A sucht Aufhebung, B Aufbewahrung des Widerspruches. — A ist eine Sache von Schwäche oder Kraft, B von Tod oder Leben. — A kann es geben in der Religiosität A, B nur bei der Religiosität B. — „Wenn das Schiff ein Leck bekommen hat, dann das Schiff” verzweifelt „durch Pumpen zu halten und” „den Hafen aufzusuchen”: das ist Paradox A. „Wenn das Schiff ein Leck bekommen hat, dann das Schiff begeistert durch Pumpen zu halten und doch den Hafen nicht aufzusuchen”: das ist Paradox B. 4) — „Wenn der Spekulant das Paradox so erklärt, dass er es aufhebt, und nun wissentlich weiss, dass es aufgehoben ist, dass das Paradox also nicht das wesentliche Verhältnis der ewigen, wesentlichen Wahrheit zu einem ist, der im stärksten Grade existiert, sondern nur ein zufälliges Relationsverhältnis zu beschränkten Köpfen, so herrscht ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Spekulanten und dem |118| Einfältigen”; 5) der erstere steht an der Spitze der Gemeinschaft („Kommunie”) aller Grübler über Paradox A und beschwört, dass er wenigstens nie wieder zu rufen brauche, so wie seine Nachhut es im selben Moment noch tut: hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, amen!, denn was ihn, den Spekulanten, betrifft: er hat sich selber geholften. Und der andere, der Einfältige: er beugt sich ganz allein als neue Kreatur im Lehrzimmer des Paradoxes B und ruft, noch immer als der Einzelne, nur Gott vernehmbar: hier liege ich, ich will nicht anders, Gott hat mir geholfen, amen.

„Geholfen”, — das bedeutet hier: „besiegt”.




1. F. u. Z. 101.

2. a.W. 60.

3. Pap. II A 755, zitiert bei Diem, a.W. 186.

4. Abschl. unwiss. Nachs. I, 298, Note.

5. a.W. 300.







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